Suchtkrank, oder doch alles nur Übertreibung?

  • Ihr Lieben,

    ich weiß gar nicht so recht wo ich anfangen soll. Mein Partner und ich sind nun fast 13 Jahren zusammen, unsere Tochter wird bald 10 Jahre. Von Mitte 2019 bis Anfang 2024 hat mein Partner mehr oder weniger täglich gekifft und/oder getrunken. Ich hatte vor ihm eine 7-jährige Partnerschaft mit einem ebenfalls suchtkranken Mann, er nahm vornehmlich Cannabis, war aber auch anderen Drogen wie z. B. Pilzen nicht abgeneigt. Das Ende besiegelte er damit, dass er in meiner Wohnung eine Cannabisplantage anbaute und ich dann endlich nach ein paar Anläufen den Schlussstrich zog und mir dann geschworen hatte, nie wieder mit einem Dauerkiffer zusammen zu sein. Kurze Zeit später lernte ich meinen jetzigen Partner kennen; damals noch (für mich) nicht offensichtlich suchtkrank und normal im Umgang mit Cannabis und Alkohol. Ein paar Mal probierte ich es auch, kam aber zu dem Schluss, dass es mir nichts bringt da ich davon nur müde und antriebslos wurde. Ich hatte, bis auf Tabakkonsum, bislang keine Probleme mit Drogen oder Erfahrungen damit geschweige denn einen Drang, Drogen zu nehmen oder diese zu brauchen. Mein Partner veränderte sich ab Mitte 2019 zunehmends mit dem immer mehr werdenden Cannabiskonsum und ich war stark an meinen Ex-Partner erinnert, der dies ebenfalls (in größeren Mengen) so machte. Die Abende gestalteten sich meistens so, dass ich unsere Tochter ins Bett brachte und er sich derweil vorm PC beim Zocken zudröhnte. Ich wurde zunehmens in die Rolle der teilzeitarbeitenden Mutter und die abends regelmäßig das Kind ins Bett brachte, gedrängt. Mein Partner fühlte sich von mir vernachlässigt, weil ich wieder jeden Tag arbeiten ging und ich abends einfach zu müde war für Filme, Unterhaltungen oder dergleichen. Sicherlich habe ich hier auch einiges zur Frustration beigetragen. Aber ich hatte keine Kraft, mich auch noch um ihn zu kümmern. Dies ging dann fast 5 Jahre so und unsere Beziehungsverbindung verschlechterte sich zunehmends. Ich hatte das Gefühl, meinen Mann so langsam zu verlieren. In den wenigen Abstinenztagen oder Wochen dazwischen ging es komplett mit uns bergab und er sprach wiederholte Trennungen und Verletztungen aus, die bis heute anhalten. Einen Tag vor der Cannabis-Legalisierung in Deutschland letztes Jahr beschloss er dann komplett aufzuhören, da ich nicht mehr konnte und es mich immer mehr belastete. Es folgte ein heftiger psychischer und körperlicher Entzug mit Schlafstörungen, exzessiven Alkoholräuschen um eine Ersatzwirkung zu erzielen und dergleichen. Nach Beruhigung und vielen schlimmen Tagen und Nächten folgte die Ernüchterung und Depressionen. Wir gingen zur Paarberatung, anschließend Suchtberatung und Neurologie mit Tests auf Borderline, ADHS usw. um die Ursache des psychischen Ausnahmezustands zu finden. Beratungsstellen und Ärzte hörten ihn an und bescheinigten, dass alles in Ordnung sei. Seine Stimmungen und Süchte sind noch im normalen Bereich und Medikamente etc. sind nicht erforderlich. Die Therapie bei einer Psychologin brach er ab, da sie ihm nur zuhörte, aber keine Lösungsvorschläge bot. Also war alles wieder so wie vorher. Seit drei Monaten ist er an dem Punkt angelangt, dass ein Leben für ihn ohne regelmäßigen Gebrauch von Suchtmitteln nicht lebenswert wäre. Er findet ein "normales" Leben langweilig und möchte nicht den Rest seines Lebens so verbringen. Für mich brach gefühlt eine Welt zusammen, denn ich wusste, es geht nun alles wieder von vorne los. Alkohohl, Cannabis, Entzug, Depression..... etc. usw.

    Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich so reagiere. Er meint, ich müsste ihn einfach machen lassen, er ist erwachsen und will sich nichts vorschreiben lassen. Im Grunde ist es seine persönliche Entscheidung, aber ich glaube für mich selbst möchte ich nicht mehr mit einem Mann zusammenleben, der jeden Tag bekifft ist (wir reden von 0,5-1 g am Abend mit elektr. Dampfer) oder sich als Ersatz 1-3 Bier täglich gibt. Er sagt, ich übertreibe maßlos und reagiere über, es ist nur eine kleine Menge. Er möchte aber nichts an seiner Gewohnheit ändern, da er sich ein dauerhaft abstinentes Leben nicht vorstellen kann. Ich bin hin- und hergerissen, was ich nun mit dieser Situation anfangen soll. Ich habe vor ein paar Monaten gesagt, ich trenne mich wenn er wieder anfängt zu kiffen. Und nun ist es so weit und ich merke, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Er hat sich bereits für die Sucht entschieden.

    Ihr Lieben, Danke schon mal für eure Aufmerksamkeit, es tut gut, sich das von der Seele zu schreiben. Es gibt niemanden, mit dem ich darüber reden könnte.

    Danke :red_heart: Noname

  • Hallo Noname23,

    danke erst mal für deine offenen Worte hier!

    Während ich das so gelesen habe, habe ich "Zerrissenheit" in dir so richtig gespürt. Du bist in einer wahnsinnig schwierigen Situation unter der du sehr zu leiden scheinst.

    Vorab möchte ich dir sagen, dass niemand diese Entscheidung die du da treffen musst, für dich treffen kann.

    Du stehst vor einer sehr schwierigen Entscheidung. Eine ähnliche Situation hast du mit deinem Ex-Partner schon mal erlebt und diese war für dich sicher auch nicht einfach.

    Dass du kommuniziert hast, dass du dich trennen wirst, wenn er weiter konsumiert zeigt, dass du dich selbst und deine Grenzen ernst nimmst. Gleichzeitig vermute ich, dass du da auch an eure gemeinsame Tochter denkst, für die es sicher auch nicht leicht ist mit ihrem konsumierenden Papa.

    Neben all dem sehe ich auch die Bemühungen deines Partners abstinent sein zu wollen – zumindest zeitweise scheinen sie ja vorhanden und ein Wille da gewesen zu sein. Habe ich das richtig verstanden dass er wieder konsumiert oder meinst du, dass er angekündigt hat bald wieder zu konsumieren?

    Ist ihm bewusst dass eure Beziehung gerade in großer Gefahr ist? Ich höre in deinem Geschriebenen da schon viel Klarheit heraus, neben den übrigen Zweifeln und Ängsten natürlich. Sich für eine Trennung zu entscheiden ist ja selten total klar sondern mit vielen Bedenken und Ängsten verbunden.

    Du schreibst, dass du mit niemandem sprechen kannst – hast DU dir denn schon mal Unterstützung in Form einer Angehörigenberatung bspw. geholt?

    Drogenberatungsstellen bieten das oft an, da der Konsum einer nahestehenden Personen meist wahnsinnig belastend ist. Angebote gibt es mittlerweile auch online (z.B. suchtberatung.digital). Wenn du dich weiter austauschen möchtest, kannst du dich dort gerne auch bei mir direkt melden: https://app.suchtberatung.digital/beratung/regis…72-cef8da13be12 (Anmeldung ist anonym und kostenlos) – wir können uns natürlich auch hier weiter austauschen.


    Ich hoffe ich hab dich jetzt nicht zu viel auf einmal gefragt. Meld dich gerne wenn du dich weiter austausche möchtest.

    Noch eine kurze Info zu mir: Ich gehöre zu einem Team professioneller Sozialarbeiter*innen, die aufsuchend im Netz unterwegs sind. Dabei versuchen wir User*innen unterstützend und beratend zur Seite zu stehen, im Besonderen zum Thema Sucht und Konsum. Unser Angebot ist selbstverständlich kostenfrei und anonym.

    Viele Grüße
    Hannah vom DigiStreet-Team der Drogenhilfe Schwaben gGmbH

  • Hallo noname,


    ich hoffe, du bist noch hier und wirst meinen Post auch lesen. Ich lebe tatsächlich ein sehr ähnliches Leben wie dein Partner. Cannabisabhängigkeit seit über dreißig Jahren, in diesem Jahr werde ich fünfzig Jahre alt. So eine Sucht ist nicht zu unterschätzen. Auch wenn viele sagen, ach ist doch nur Gras. Sucht ist Sucht. Wenn ich deine Zeilen so lese, werde ich zwangsläufig an das Schicksal meiner Frau erinnert. Sie erträgt es nun schon so lange mit mir.

    Ich habe sie auch sehr viel in unserer Ehe mit allen Aufgaben alleine gelassen. Immer stand der Konsum im Vordergrund und das eigene Bedürfnis. Meistens besteht dieses aus chillen und fernsehen, oder irgendwelche Dinge mit sich alleine machen. Hauptsache man wird in Ruhe gelassen und kann sich so richtig seinem Rausch hingeben, Antriebslosigkeit ist dabei nur eines von vielen Merkmalen. Aber man ist dann definitiv kein Familienmensch. Ich hatte immer wieder vielversprechende Momente, Phasen der Abstinenz einzuläuten. Anfänglich waren die von außen gekommen: Stress mit den Behörden oder meine Frau wollte es unbedingt. Diese Zeiten gingen auch immer mit extremen psychischen Abstürzen einher, was natürlich dazu führte, dass meine Frau auch dann mit allem alleine dasaß. Psychiatrieaufenthalte, Depressionen, tiefe Reue, Versprechungen, ab jetzt alles besser zu machen und nicht mehr zu konsumieren. Von langer Dauer waren meine Versprechungen nie. Immer wieder habe ich meine Frau und meine gesamte Familie enttäuscht. Meine letzte Abstinenz dauerte so ca. 18 Monate an (lies mal mein Thema: Dieses Mal für immer). Laut meiner Frau war das für sie die beste Zeit in ihrem gemeinsamen Leben mit mir. Aber sie sagt auch, ich muss es selber wissen. Schließlich ist man ja erwachsen, auch wenn ich glaube, dass mir der frühe Einstieg in den Konsum ordentliche Entwicklungsverzögerungen eingebracht haben. Viel zu selten denkt der Konsument darüber nach, was er den Angehörigen, also seiner Familie, seinen Liebsten damit antut. Die Einsicht und Reue kommt immer nur, wenn den gerade nicht konsumiert wird.

    Wie DHS Hannah auch schon schreibt, kann dir die Entscheidung, die treffen musst oder willst, niemand abnehmen. Ich habe hier nur gelesen und mich aufgefordert gefühlt, dir meine Gedanken zu deiner Situation mitzuteilen. Ebenso wie dein Mann bin ich ohne Konsum nicht zufrieden. Ständig versucht einem das Suchthirn einzureden, dass es ja mit Cannabis alles besser und schöner ist. Aber genau so definiert sich SUCHT.

    Ich konnte auch in der langen Zeit der Abstinenz keine Zufriedenheit erlangen und bin deshalb wieder beim Konsumieren gelandet. Es ist nur eine Illusion, dass das Leben dann besser ist. Meine Frau und ich sind seit 1996 ein Paar, wir sind früh Eltern geworden und unsere beiden Mädchen sind heute 19 und 23 Jahre alt. Das die beiden sich trotz ihres suchtkranken und depressiven Vaters so toll entwickeln konnten, ist zu mindestens 90 Prozent meiner Frau zu verdanken. Was übrigens auch gleich ist zwischen dir und meiner Frau, dass auch sie vor mir nur Partner mit Suchterkrankungen hatte. Gut, da war sie zwar noch jugendlich, aber trotzdem. Für Kinder ist es richtig übel, in einer Familie mit solchen Problemen aufzuwachsen. Als ich Kind war, hat mein Vater auch sehr dem Alkohol zugesprochen. Nein, falsch! Er war Alkoholiker und ist es bis heute, aber eben abstinent lebend. Wer weiß, ob ich nicht deshalb ebenfalls in eine Sucht geraten bin.

    Eines ist auf jeden Fall klar. Ohne meine Frau und meine Familie wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Gleichzeitig hat mir meine Familie aber auch immer nach außen hin den Anschein eines serösen Lebens möglich gemacht. Aber tatsächlich habe ich immer nur konsumiert. Ohne Rücksichtnahme. Auch jedes einzelne Mal, das ich wieder angefangen habe, waren mir die Konsequenzen für meine Familie egal. Dass sie mich immer wieder aufgefangen hat ist nicht selbstverständlich.

    Ich denke, du musst dich fragen, ob du bereit bist, dich auf wiederkehrende Rückfälle oder längere Zeiten des Dauerkonsums deines Partners einzulassen. Dass er sagt, er möchte gar kein abstinentes Leben führen, ist natürlich alarmierend. Aber es macht auch keinen Sinn, nur dir oder dem Kind zuliebe mit dem Konsum aufzuhören. Er muss es selber wirklich wollen. Nur dann macht auch Therapie erst wirklich einen Sinn. Also, ich kann für mich sagen, dass ich austherapiert bin. Ich hatte schon so viele Gespräche bei der Suchtberatung: alleine, mit meiner Frau zusammen und weiß eigentlich jetzt eine ganze Menge über mich und die Gefahr und das Verderben der Droge Cannabis. Das es inzwischen legalisiert ist, ändert ja nichts an meiner Abhängigkeit.

    Dein Mann muss es selber wollen. Eine Trennung, vielleicht ja auch nur vorläufig, kann eine Lösung sein. So könnte sich dein Partner drüber klar werden, was er wirklich möchte. Familie oder Rausch und eigene Bedürfnisse pflegen. Letztlich führt alles zum selben Punkt: Die eigene Motivation, abstinent leben zu wollen. Nur dann kann es dauerhaft gelingen. Und eine Zufriedenheit mit der Abstinenz erlangen. Diese Zufriedenheit habe ich auch in anderthalb Jahren nicht erreicht. Aber da bin ich selber noch auf der Suche. Von alleine stellt sie sich auf jeden Fall nicht ein.

    Ich wünsche dir und eurer Tochter, dass ihr das durchsteht. Wenn du deinen Partner gut kennst und ihn liebst, weißt du ja sicherlich, was du an ihm hast, wenn er drogenfrei lebt.

    Alles Gute für euch!


    BUD

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