Hallo,
auch ich hab länger hier nur mitgelesen, aber mich auf der Suche nach Rat nun doch entschlossen, mich anzumelden.
Mein Freund ist seit Jahrzehnten suchtkrank und hat fast alles exzessiv konsumiert bis hin zu H und Cr. Ich kenne ihn sehr lange und war in jungen Jahren schon einmal länger mit ihm zusammen. Damals war er in einem Substitutionsprogramm, das er abschloss, während er nebenbei noch eine Ausbildung bewältigte. Doch bald darauf verlagerte sich seine Sucht auf Cr, und es ging schnell bergab mit uns, er tauchte schon bald immer wieder tagelang ab und zog sich immer mehr zurück. Schließlich trennte ich mich von ihm, aber unter großen Schmerzen, denn ich fühlte mich ihm schon immer verbunden, und er verhielt sich trotz aller Probleme immer liebevoll und korrekt mir gegenüber.
Inzwischen begleitet ihn Cr schon fast sein halbes Leben mit gravierenden gesundheitlichen, psychischen, finanziellen und sozialen Folgen. In der Zeit seit der Trennung hatten wir sporadisch Kontakt, und wenn ich ihn nach dem Thema Drogen fragte, räumte er zwar gelegentlichen Konsum ein, spielte das aber herunter. Trotz meiner schmerzvollen Erfahrungen und obwohl ich einen neuen Partner hatte, habe ich mich in der Zeit nie ganz von ihm lösen können und oft an ihn gedacht, verschwieg ihm das aber lange.
Vor etwa zwei Jahren beschloss ich, endlich reinen Tisch zu machen. Wir trafen uns und alles begann von vorne. Obwohl er mir jetzt von teils massivem Alkoholkonsum erzählte. Irgendwie dachte ich einmal mehr: Jetzt bin ich ja da. Das wird ihn aufbauen und ihm helfen, etwas zu ändern. Aber schon sehr bald erlebte ich, dass er teils tagelang verschollen war. Er erklärte es mit Depressionen, gepaart mit Alkoholkonsum, gelegentlich sprachen wir die Möglichkeit einer Therapie an, aber zunächst noch vage. Diesmal wollte ich mich nicht von ihm abwenden, sondern ihm Raum lassen, selbst die Entscheidung zu treffen, sein Leben ihn die Hand zu nehmen und zu ändern. Fatalerweise gab ich ihm aber immer wieder Geld, weil er arbeitsloser Leistungsempfänger ist und er mir glaubhaft versicherte, dass Sanktionen gegen ihn verhängt worden seien und er in Not sei. So gingen mit der Zeit tausende Euro dahin.... Immerhin kümmerte er sich wieder um Arzttermine und nahm an Beschäftigungsmaßnahmen teil - ein großer Fortschritt gegen die wohl üble Lage vorher.
Seine Arztbesuche machten ihm dann wohl das ganze Ausmaß seiner gesundheitlichen Schäden klar und dass er nicht mehr viele Chancen hat, das Ruder rumzureißen. Endlich wurde der Gedanke an eine Therapie konkret. Wir füllten vor ein paar Monaten gemeinsam einen Antrag aus, mit der Begründung Alkoholabhängigkeit. Da zum Antrag auch ein Sozialbericht der Drogenberatung gehört, brachte mein Freund auch diesen auf den Weg und zeigte mir schließlich eher beiläufig, aber mit Bedacht, den Bericht. Da stand endlich schwarz auf weiß, was ich irgendwie geahnt, aber verdrängt hatte: Cr ist mitnichten aus seinem Leben heraus - er konsumiert es noch immer, sobald greif- und bezahlbar. Fast alles Geld, das ich ihm die letzten zwei Jahre gegeben habe, ging dafür drauf.
Wir hatten danach einige bittere, aber nach meinem Eindruck ehrliche Gespräche. Und haben dabei einvernehmlich veinbart, dass ich ihm kein Geld mehr gebe. Er sieht, dass er mich im Prinzip betrogen hat, aber ich weiß, dass ich mitschuldig bin, weil ich immer ahnte, dass hinter seinem großen Geldbedarf und dem wiederkehrenden Rückzug mehr steckt.
An Ostern hat er eine recht klare Bestandsaufnahme mit mir gemacht. Dabei sich die Frage gestellt, ob er je (wieder) geregelten Tagesablauf, Arbeit und auch die Beziehung mit mir auf die Reihe bekommen witd. Auch große Angst geäußert vor der Therapie und dass er dort den Rappel kriegt, alles hinschmeißt, sich alles verbaut, ich mich irgendwann doch abwende. Nach dem langen Wochenende war dann leider wieder neues Geld auf seinem Konto, das direkt umgesetzt wurde, mit der Folge eines weiteren tagelangen Rückzugs.
Ich hab mich inzwischen nahezu an diese Abstürze gewöhnt, auch wenn ich weiß, dass von einer stabilen Beziehung nicht die Rede sein kann - wie auch unter diesen Vorzeichen...
Was mich umtreibt, ist die Sorge, ob er die inzwischen bewilligte Therapie letztlich wirklich antritt. Ich zweifle, ob die von ihm geäußerten Ängste nicht neue Hintertürchen sind? Oder ist das so eine Art Torschlusspanik, die vor einer Therapie viele erleben? Kann ich ihn auf dem Weg dahin überhaupt gut und sinnvoll begleiten?
Die meisten Probleme in unserer Beziehung bereiten mir sein Abtaucher. Sind wir zusammen, gibt es trotz der ganzen Misere auch viele schöne Momente und wir verstehen uns noch immer sehr gut. Er hat sich erstaunlich viel Reflektiertheit bewahrt und bleibt ein liebenswerter und anziehender Mensch für mich. Muss auch noch sagen, dass ich durchaus mein eigenes Leben habe, arbeite, Freunde treffe und ihn nicht jeden Tag mit Beschlag belegen will.
Ich habe ihn schon so oft gebeten, dass er mir wenigstens mit einem Satz sagen oder schreiben soll, dass er gerade keinen Kontakt haben kann und will, aber natürlich müsste er mir dann offenbaren, was los ist, und will das ja nur zu gern immer wieder auch vor sich selbst verbergen.
Hier im Forum ist oft von Grenzen und Konsequenzen die Rede. Die größte wäre, mich zu trennen, aber das möchte ich im Moment nicht, schon gar nicht, da er den Schritt Richtung Therapie gemacht und Problemeinsicht hat. Ich hab begriffen, dass er schwer krank ist und in vielerlei Hinsicht nicht aus freien Stücken handelt. Trotzdem belastet es mich. Wie also könnten sinnvolle Grenzen in der Situation überhaupt aussehen?
Ich danke Euch fürs Lesen meines langen Textes,
liebe Grüße,
RunningFree