Der folgende Text basiert auf meinen eigenen Erfahrungen [verfasst: September 2006] in der Psychiatrie.
VORSICHT - er könnte triggernd wirken!
Vorweg:
Sorry, ist etwas lang & vielleicht wiederholt sich auch manches, da ich es bereits in einem anderem Forum gepostet habe, wo noch Fragen etc. auftauchten, die ich eben nochmal genauer beantwortet habe...
Hier würde ich euch nun gerne meine Erfahrungen aus der geschlossenen & offenen Psychiatrie mitteilen.
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- Alles begann im März 2006.
Ich ging mit meiner Mutter zur psychiatrischen Abteilung und stellte mich samt Problem(en) vor. Ich war total verunsichert...Gedanken wie: "Bin ich 'krank' genug, um überhaupt in eine stationäre Abteilung kommen zu können?" oder "Wie wird es sein, wenn ich aufgenommen werde?" oder "Ist es die richtige Entscheidung?" gingen mir durch den Kopf.
- Kurz etwas, wie es ablief, bevor ich mich dort vorstellte:
Ich war in ambulanter Behandlung, dort wurde mir geraten (und ich habe es, wenn ich mich recht erinnere, auch selbst vorgeschlagen) in stationäre Behandlung zu gehen. Meine Eltern wurden 'hergelotzt' und aufgeklärt, am nächsten Tag fuhren wir schon zur Psychiatrie.
Ich stellte mich also beim Sekretariat vor, irgendwei aufgeregt, ängstlich aber auch voller Hoffnung auf eine Lösung meiner Probleme. Ich sollte in ein paar Stunden nochmals kommen und hatte dann ein Gespräch mit einer Therapeutin. Nachdem ich auch ihr alles geschildert hatte, wurde meiner Mutter und mir mitgeteilt, dass ich vorerst in den 'geschützten Bereich' der Psychiatrie kommen würde - in die Geschlossene. Wieder tausende Gedanken in meinem Kopf: "Bin ich wirklich so gefährdet?" und "Was denken nur meine Eltern? Es tut mir so leid!".
Ich durfte noch nichtmal mehr Sachen von zu Hause holen, wurde sofort dorthin gebracht. In der Geschlossenen sprach ich mit meiner zukünftigen Therapeutin, dabei saß auch meine zukünftige Bezugsperson (dazu nachher mehr). Und schon wieder musste ich alles erzählen. Dann wurde ich ärtztlich untersucht & kam auf Station in den sogenannten "Ruheraum". Ein Raum, der Kameraüberwacht ist - dort drin befindet sich nur eine dicke Matte, sonst nichts. Die Tür ist innen mit Gummi beschichtet.Ich war so unsicher und irgendwie eingeschüchtert....alles so fremd und ungewohnt. Dann wurde ich durchsucht, damit ich keine Spitzen oder sonstig gefährlichen Gegenstände reinschmuggel (war aber auch nicht der Fall ). Klamotten mit Schnüren musste ich abgeben und bekam stattdessen 'ungefährliche' Kleidung. Mein Ring und meine Armbanduhr wurden mir ebenfalls abgenommen, zum Selbstschutz. Schließlich bekam ich die Regeln der Station, einen Wochenplan etc.Die Geschlossene ist in zwei Seiten eingeteilt. Seite A und B. Ich war vorerst auf Seite A. Auf jeder Seite befanden sich jeweils 7 Patienten. Nach ein paar Tagen erfuhr ich, wer meiner Bezugspersonen waren.
- Was sind Bezugspersonen?
Jeder Patient auf dieser Station hatte 2 Bezugspersonen, eine weibliche und eine männliche. Diese Personen/Betreuer sind die haut Ansprechpartner während des Aufenthalts, wissen über deine Problematik bescheid und helfen dir beispielsweise bei Aufgaben, die dir der Therapeut zu bewältigen gibt.
Damit ihr eine noch besser Vorstellung davon bekommen könnt, wie es in der geschlossenen Kinder- & Jugendspychiatrie (KJP) so aussieht, erstmal kurz was dazu. Ich hatte ERWARTET, dass dort alles weiß aussieht, wie in einem Krankenzimmer, mit Plastikstühlen etc.. Aber in der Geschlossenen waren die Wände gelb/orange gestrichen & es hingen schöne Bilder an der Wand.in Zwischen Seite A und B war ein 'Atrium', d.h. eine art kleiner Wintergarten (ein überdachter kleiner Platz, wo aber frische Luft reinkam). das Atrium war mit Panzerglas umrandet, auch die Fenster in den Patientenzimmern bestanden aus Panzerglas - falls jemand ausrasten sollte, kann es nicht brechen. Ins Atrium durften die Seiten immer nur abwechselnd rein, dort konnte man Tischtennis spielen oder auch zu festgelegten Zeiten (sechs Mal pro Tag) rauchen. Es war alles sehr übersichtlich (die Zimmer waren um einen großen Ess- & Wohnraum gebaut), ist ja auch logisch, so hatten uns die Betreuer (wenn wir nicht gerade in unseren Zimmern waren) immer im Blick. Achja, auf jeder Seite gab es jeweils 1 Mädchen & 1 Jungen Bad und Klo.
Ich fand es in der Psychiatrie zwar anfangs schon etwas beängstigend, weil ich einfach neue Situationen & Leute nicht....naja, soo gerne hab bzw. da total aufgeregt bin...aber andererseits war ich auch froh, endlich mal zu Hause raus zukommen, da meine Mutter mich mit ihrem Hausfrau-die-sich-um-die-Kinder-kümmert-und-immer-für-sie-da-ist schon etwas nervte. Ich liebe sie, keine Frage, aber ich fühlte mich immer etwas kontrolliert.
Ich hatte fast jeden Tag ein Gespräch mit meiner Therapeutin und nach einer Nacht im Ruheraum durfte ich auch in ein Zimmer - vorerst alleine. Jetzt hatte ich aber schnell ein kleines, großes Problem:
Man darf dort ab 16 rauchen, ich bin ja 17, ABER meine Eltern wussten nicht, dass ich rauche. Also überwund ich mich ein zweites Mal (da ich es ihnen vor drei Jahren schonmal erzählt hatte, sie mich aber so nervten, dass ich meinte, ich hätte aufgehört zu rauchen) und erzählte ihnen PER TELEFON *lol*, dass ich rauche und ob sie mir bitte Zigaretten mitbringen könnten. Sofort, wie aus der Pistole geschossen, kam von meinem Vater ein NEIN. Ich war so enttäuscht & verärgert. Da man alleine nicht aus der Geschlossenen kommt, hatte ich also keine Kippen. Diese - eigentlich Kleinigkeit - brachte mich seit langer Zeit nochmal zum weinen. Ich war wütend, dass ich es meinen Eltern überhaupt erzählt hatte, wenn es ja (in meinen Augen) letzendlich sowieso nichts gebracht hatte. Hinzu kam auch noch, dass eine Patientin (ich nenne sie einfach mal Marie) tierischen Terror machte, das nahm mich total mit, ich hatte irgendwie mit ihr Mitleid. Tja, so kam es, dass ich wieder r*tzte & S-Gedanken hatte =/. Soviel, wie ich in der Psychiatrie gedacht habe, hab ich bestimmt noch nie vorher gedacht. An jenem Tag kam dann auch noch so einiges anderes hoch (und das alles nur wegen den Kippen), z.B. dass ich bald wieder Ergotherapie hatte - ich HASSTE sie! Und dass es, "wenn ich aus der Klapse bin nicht besser sein wird als vorher". Glücklicherweise rief meine Mutter später an und meinte, sie würde mir doch noch Ziggies mitbringen - im Gegensatz zu meinem Vater raucht sie nämlich ab und an. - Ergotherapie:
In der Ergotherapie macht man künstlerische Sachen, man kann beispielsweise aus Ton oder Holz etwas basteln oder Seidenmalerei uvm.
Als ich das erste Mal Ergotherapie hatte (nachdem ich eine Woche in der Geschlossenen war), war meine Therapeutin gleich so "freundlich" und wollte mich mit meinen Ängsten konfrontieren. Ich war schon aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie es in der ErgoThera genau abläuft und ich den Therapeuten noch nicht kannte - aber meine Therapeutin musste natürlich noch einen drauf legen (eigentlich im Nachhinein auch verständlich, man soll ja auch weiterkommen ^^). Meine Aufgabe während der Ergotherapie: So viele Fehler wie möglich zu machen!
Ich hatte solche Angst davor & es war mir so peinlich, dass ich mal wieder weinteZum Glück musste ich es dann nachher doch nicht machen, hab mich so gesträubt . Naja, ich hasste die Ergotherapiestunden trotzdem, weil ich alleine mit dem Therapeuten war und mich immer total beobachtet fühlte....
- Marie [-> Namen geändert]:
Dieses Mädchen war mindestens 2 Monate fast ausschließlich im Ruheraum!! Sie war ziemlich agressiv anderen gegenüber - aber ich kann mir das auch gut vorstellen, wenn ich so lange in einem kleine Raum eingesperrt wäre, ohne Gesellschaft etc., da würd ich auch irgendwann durchdrehn....Jedenfalls hat sie abends meistens total laut gegen die Wände gehämmert, sodass man, wenn man auf der selben Seite war, es hörte....das fand ich echt schrecklich. Hat mich immer total runtergerissen. Und am schlimmsten war es, als sie irgendwann fixiert wurde (auf nem Bett). Das war sowieso total blöd: Im Flur nach dem Eingang stand das Bett immer schon bereit und immer wenn ich da mal vorbei ging, lief mir ein schauer über den Rücken, selbst wenn ich es selbst nicht erleben musste. *hach*
In der Therapie sprach ich immer mit meiner Therapeutin über meine Probleme, wie ich sie lösen könnte und was ich mir vornehmen möchte. Ich machte auch mal eine Liste mit Situationen, die mir Angst machen & arbeitete diese dann Stück für Stück mit meinen Bezugspersonen & Therapeutin durch....alles haben wir nicht geschafft, da ich nach einem Monat ja auf die Offene kam.
In der Geschlossenen gibt es übrigens einen strukturierten Tagesablauf, mit ein paar Gruppen, Schule, Ergo- & Therapie zwischendurch.
Am 30. 03. 06 ging ich zum ersten Mal zu einer sogenannten 'Körperwahrnehmungsgruppe'. Die Gruppe wird normalerweise nur den Patienten von der Offenen angeboten, da es auch in dem Gebäude ist, allerdings hielt meine Therapeutin es für mich für nötig und da ich jetzt auch nicht dauernd Terror gemacht habe, konnte ich auch mit einem Betreuer dorthin gehen, ohne Schwierigkeiten zu machen. Meine Therapeutin meinte noch, "dass ich froh sein könnte, dort mitmachen zu können, dass es etwas besonderes wäre" . Leider machte auch diese Gruppe nicht sonderlich Spaß - mir machte sie eher Angst, noch mehr als die Ergotherapie, da man soviel über Gefühle sprach und mit dem Körper arbeitete (tantzen etc.), was ich garnicht mag - vorallem nicht vor Anderen. Ein paarmal hab ich mich auch gedrückt, bzw. war so stur und dickköpfig, dass mich keiner überreden konnte, mit zu machen....naja, keine gute 'mitarbeit', aber da war bei mir eben eine Blockade [k.A.ob das so geschrieben wird -.-].Meine Therapeutin wusste natürlich, wie sie da vorgehen musste....so art 'Erpressungen' bzw. Belohnungen, wenn ich etwas (mit)machte. Beispielsweise hieß es, dass ich am Wochenende nur mit meinen Eltern für soundsoviel Stunden raus könne, wenn ich dies und jenes erledigt hätte - waren natürlich für mich alles irgendwie unangenehme Dinge *gruml*. Einmal hab ich da auch ein Wochenende sausen lassen....ich weiß aber nicht mehr, was ich da wieder machen sollte. Jedenfalls etwas, was mir sehr unangenehm war/sehr viel Angst machte.
Nach ca. 1 1/2 Monaten wurde ich ganz plötzlich, ich erfuhr es zwei Stunden vorher , auf die Offene verlegt. Erst dachte ich: Na toll, wenn ich schon auf ne Offene komm, kann ich auch gleich nach Hause, ich will nicht mehr! Aber dann gings doch ganz gut...
- Wie alt waren die Kinder so?
Auf der Geschlossene war das jüngste Kind, was ich mitbekommen habe, 8 Jahre alt. Im Prinzip können dort aber auch noch jüngere Kinder hinkommen (mir wurde von einem Betreuer erzählt, dass das jüngste Kind wohl sogar erst 5 Jahre alt war). Und dann gehts eben bis 18 Jahre, danach kommt man in die erwachsenen Psychiatrie.
Und auf der Offenen gibt es Einteilungen in Altersunterschiede.
Es gibt eine 'Kinderstation', dort sind Kinder bis 12/13/14 Jahre (kommt auch immer auf die Reife an). Und dann gibt es noch 3 Stationen für Jugendliche, welche keinen Unterschied aufweisen, nur eben damit mehr Jugendliche aufgenommen werden können ...dort sind dann eben Jugendliche von frühestens 12 bis höchsten 19 Jahren - eigentlich werden zwar die 18-jährigen schon auf eine Erwachsenenstation geschickt, aber wenn jemand beispielsweise mit 17 dort aufgenommen wird, kann er/sie auch noch über dessen volljährigkeit auf der Station bleiben. - Die unter 14-jährigen haben meistens eines/mehrere der folgenden Probleme:
-> Agressivität
-> Hyperaktivität
-> Trauma
(-> Suizidgefährdung [nur selten bei unter 10-jährigen, würd ich sagen])
-> von zu Hause immer wieder abgehauen
-> häufig die Schule geschwänzt/verweigert bzw. große Schulprobleme/SchulangstDas sind so die Probleme bei jüngeren Kids, die ich mitbekommen habe. Ich hätte ehrlich gesagt nie gedacht, dass man, wenn man dauernd von zu Hause wegläuft, dann in die Geschlossene kommt *uff* - aber da gabs auch einige Fälle bei uns.
- Bei Jugendlichen kommen dann noch diese Probleme hinzu, die auftreten können (welche meines Wissens nach bei Kindern nicht so häufig auftreten, aber, wie heißt es noch gleich? Es gibt auch Ausnahmen.):
-> Essstörungen
-> Depressionen
-> "Suizidgedanken"
-> SVV
-> Drogenprobleme
-> Angststörungen
-> Zwangsstörungen
-> Schizophrenie
-> .... - Wie alt war der/die Jüngste mit Suizidgefährdung & was war der Grund?
Ich habe einen 13-jährigen kennen gelernt, der tierische Angst vor der Schule hatte. Und daher wollte er sich vermutlich auch suizidieren. Außerdem hatte er auch Figurprobleme (weshalb er aber nicht im Krankenhaus war) und wurde evtl. auch dadurch 'runtergezogen', fand sich vielleicht selbst nicht hübsch oder wurde gehänselt....aber so viel habe ich mit ihm dann auch nicht zu tun gehabt bzw. mit ihm über seine Probleme geredet.
- Was für eine Therapie hatte ich & wie lief es sonst noch so ab?
Mit mir haben sie Verhaltenstherapie gemacht, wegen meinen Ängsten und da ich auch oft zu nichts motivierbar war, mussten sie mich mal...'aktivieren' *lach*.
Meine aller größte Aufgabe in der Offenen war es, erstmal Ziele zu finden....das war echt nicht leicht, so ein richtiges Ziel hab ich glaub ich immer noch nicht, aber sinnlos finde ich mein Leben momentan nicht mehr unbedingt.
Ich habe viel über meine Probleme gesprochen und sollte dann beispielsweise Situationen angehen, die mir unangenehm waren (z.B. mit Fremden telefonieren o.ä.), außerdem haben wir gemeinsam einen Recourssenplan gegen Su*z*dgedanken & R*tzen erstellt (den ich aber nicht gut anwenden kann bzw. möchte ) uuuund....was haben wir noch so gemacht?....und ich hab meine Zukunft in die Hand genommen, d.h. mir Gedanken gemacht, was ich werden möchte/machen will (auch wenn ich noch nicht ganz sicher bin) und schonmal Bewerbungen für ein Praktikum angefertigt.
UND ich habe mich auf ein Beratungsgespräch im BIZ vorbereitet - was bei meiner Angstliste leider ganz weit oben stand....was ich aber machen sollte, damit ich mir klarer über meine Berufswahl werde & zur Übung, wegen der Angst.
Ich hatte auf der offenen Station auch oft Familiengespräche, wo ich meine Eltern oder meinen Bruder kommen ließ und wir gemeinsam über Dinge, die wir uns mal sagen wollten, sprachen.
Achja und dann musste ich während der ganzen stationären Behandlung jeden Tag eine Kurve anfertigen, worauf zu sehen war, was ich gemacht habe und wie es mir dabei ging (auch um zu sehen, wann bzw. weshalb meine Stimmung schlechter wurde).