Angst vor Verantwortung

  • Hallo!

    Ich bin 24 und am Ende meines Studiums angelangt. Es fällt mir extrem schwer, etwas für meine Abschlussarbeit zu tun. In weniger als einer Woche ist Abgabe und ich habe noch keine Seite geschrieben.

    Ich weiß nicht, wieso ich es so weit habe kommen lassen. Ich habe es nicht aufgehalten und auch jetzt tue ich immer noch nichts.

    Früher habe ich mit meinen guten Noten meine Familie stolz gemacht. Sie hat mich immer sehr auf Leistung getrimmt und es nicht zugelassen, dass ich jemals versagte.

    Jetzt hat die Familie weniger Kontrolle über mich. Ich sage ihr auch nichts mehr über den Stand meiner Arbeit, weil ich niemanden enttäuschen will. Ich habe das einmal gemacht und es sogleich sehr bitterlich bereut, weil ich statt Rückhalt zu bekommen bombardiert wurde mit Vorwürfen und Beleidigungen. Vielleicht auch zu Recht. Ich will niemandem die Schuld für mein Versagen geben, außer mir selbst.

    Es ist mir alles egal. Ich tue nichts für mich, lasse mich hängen. Mein Verhalten kann man auch nicht verstehen. Ich verstehe mich selbst nicht. Das ist nicht normal. Ich will mich nicht hängen lassen, kann aber anscheinend nicht anders.

    Ich will nicht versagen, ich will nicht aufgeben. Ich darf nicht versagen, darf nicht aufgeben. Aber ich kann nichts machen. Ich mache wenn dann alles nur aus Zwang. Das geht vielleicht einen Tag gut, aber danach geht es nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr zwingen, es sträubt sich alles dagegen.

    Ich will es wollen. Ich will wieder ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben führen.

    Die Frage ist: Wie schaffe ich das? Habe ich Angst vor Verantwortung und wenn ja wie heile ich sie?

    Liebe Grüße

    Anna

  • Ne du, mit Angst hat das für mich nicht so viel zu tun.

    Ich klamüser mal deinen Beitrag auseinander:

    Zitat

    Früher habe ich mit meinen guten Noten meine Familie stolz gemacht. Sie hat mich immer sehr auf Leistung getrimmt und es nicht zugelassen, dass ich jemals versagte.

    Zitat

    Ich sage ihr auch nichts mehr über den Stand meiner Arbeit, weil ich niemanden enttäuschen will. Ich habe das einmal gemacht und es sogleich sehr bitterlich bereut, weil ich statt Rückhalt zu bekommen bombardiert wurde mit Vorwürfen und Beleidigungen.

    Zitat

    Ich darf nicht versagen, darf nicht aufgeben.

    Zitat

    Ich mache wenn dann alles nur aus Zwang.

    Mal so einfach ganz direkt gefragt: Fühlst du dich von deinen Eltern eigentlich vorbehaltlos geliebt? So jetzt als Mensch, und nicht als Leistungsspender? Darf ich auch gleich noch fragen, was du so studierst? Irgendwie habe ich gleich noch die Fantasie, dass das etwas Prestigeträchtiges sein könnte. :winking_face:

    Du schreibst, dass du wieder ein selbstbestimmtes Leben haben möchtest. Das passt irgendwo nicht so ganz zu dem Umstand, dass deine Familie ja jetzt weniger Kontrolle über dich hat, was ja impliziert, dass du Früher arg kontrolliert worden bist. Also für mich klingt das eher danach, als müsste es heißen: Ich will endlich ein selbstbestimmtes und in der Folge erfülltes Leben.

    Zitat

    Ich will es wollen.

    Du willst also etwas wollen, was du eigentlich gar nicht willst? Was willst du denn eigentlich?

    LG
    WbD

  • Hallo WrongByDesign,

    wenn es keine Angst ist, was ist es dann?

    Ich fühle mich nicht vorbehaltlos geliebt. Ich werde geliebt, wenn es mir gut geht und ich alles schaffe, ja. Probleme darf ich nicht haben bzw. nicht darüber reden und sie selbst lösen.

    Ich studiere BWL.

    Ich wurde früher sehr kontrolliert, darum meide ich jetzt den Kontakt so gut es geht. Insofern stimmt das "wieder" nicht. Ich will endlich ein selbstbestimmtes Leben und in der Folge ein erfülltes Leben. Ich will es wollen, Leistung zu erbringen, für mich, weil es für mich gut ist. Ich will dieses Studium abschließen. Ich will es schaffen. Für mich.

    Aber in der Umsetzung scheitert es. Ich will es, aber ich will es wohl nicht stark genug. Vielleicht brauche ich doch wieder Kontrolle?

  • Hi Anna,

    BWL... mhmm... nimm es mir nicht krumm, wenn ich einfach mal ein "wie stereotyp, hatte ich doch so eine Ahnung" in den Raum stelle. MBA schon geplant? :winking_face: Aus Interesse, oder weil da das vermeintlich große Geld lockt?

    Weißt du, ob das nun Ängste sind, oder nicht, kann ich dir natürlich nicht sagen. Das ist klar. Aber bei so einer Kombination von Aussagen springen bei mir etwas die Alarmglocken in anderer Ecke an. Da drängt sich mir immer so dieses stereotype Bild von der oberen Mittelschicht, aus "anständigem" Haus auf... guter Abschluss im guten Fach... gute Ehe, mit Partner aus guter Familie. Ich denke, dass gemeinte Bild kommt rüber?

    Nun, wenn Kinder nicht um ihrer selbst Willen geliebt werden, sondern für die Dinge die sie tun, ihre Leistung, die sie erbringen, dann beginnen sie sich allmählich zu verbiegen, krampfhaft Erwartungen zu erfüllen, weil sie es sich nicht leisten können, die Personen zu verlieren, von denen sie abhängig sind. Und wenn man nun lang genug an den eigenen Bedürfnissen vorbei lebt, nimmt man die irgendwann auch gar nicht mehr wahr, hält fremde Bedürfnisse für die Eigenen.

    Zitat

    Ich will es wollen, Leistung zu erbringen, für mich, weil es für mich gut ist.

    Gut in welcher Hinsicht denn? Und wer sagt das? Ich will wollen ist ähnlich absurd wie "Ich will, dass ich Volksmusik mag!" Entweder habe ich Lust auf etwas, oder eben auch nicht.

    Ich frage noch einmal ganz provokant: Was willst du denn eigentlich?

  • Ich bin alles andere als aus einem gehobenen Elternhaus. Es ist eher der Druck, etwas im Gegensatz zu den Eltern zu werden. Es ist schon ein gehobener Abschluss. Gedrängt hat mich dazu niemand. Ich wollte ihn ja auch. Weil ich mehr lernen wollte. Hatte mir allerdings das Studium anders vorgestellt. Naja, ich sollte vermutlich aufhören zu jammern. Es bringt sowieso nichts. Auch keine Psychiater/Psychologen der Welt. Man wird eh nur abgestempelt als Simulant. Ist ja auch egal. Shit happens.

    Gut in Bezug auf möglichst viele Chancen im Beruf.

  • Zitat

    Ich bin alles andere als aus einem gehobenen Elternhaus. Es ist eher der Druck, etwas im Gegensatz zu den Eltern zu werden.

    So rum klappt das natürlich auch. Kenn ich irgendwo her. :grinning_face_with_smiling_eyes: "Bloß nicht wie die Alten werden!" höre ich da meine Geschwister sagen. Und wenn die Eltern dann auch "nur das Beste" wollen, geht das prima Hand in Hand.

    Zitat

    Ich wollte ihn ja auch. Weil ich mehr lernen wollte. Hatte mir allerdings das Studium anders vorgestellt.

    Was heißt denn auch? Wie bist du denn auf BWL gekommen? Und das Wichtigste: Wie hattest du dir denn das Studium vorgestellt? Würdest du jetzt im Nachhinein lieber ein anderes Fach studieren?

    Zitat

    Naja, ich sollte vermutlich aufhören zu jammern. Es bringt sowieso nichts. Auch keine Psychiater /Psychologen der Welt. Man wird eh nur abgestempelt als Simulant. Ist ja auch egal. Shit happens.

    Hast du jetzt das Gefühl, dass ich dich als Simulant betrachte? Ganz und gar nicht. Ich sehe das Problem halt weniger als Angst vor Verantwortungsübernahme, sondern woanders verortet.

    Weißte, wenn man sich so ein Studium mit Ach und Krach rausgepresst hat, vielleicht schon frühzeitig das Interesse verloren hat, eben weil man es sich anders vorgestellt hatte, oder man dann doch lieber ein anderes Fach genommen hätte, aber beim Alten geblieben ist, weil da die berufliche Perspektive besser ist, dann kann das schon einmal auf den letzten Metern vorkommen, dass man vollkommen blockiert und nichts mehr geht.

    Wie kommst du zu deiner Einstellung bezüglich Psychologen? Warst du schon mal bei einer Therapie?

  • weißt du anna, wenn man dann so langsam in die jahre gekommen ist(wie ich), denkt man anders drüber.
    man muß wissen, was man macht. es ist egal wie du deine brötchen verdienst, nur sollte es spass machen. die glücklichsten menschen sind die, die ihr hobby zum beruf machen können. leider sind das die wenigsten.
    wenn du denkst, es ist nichts für dich, dann weg damit. wenn ich mich heute überfordere, führt das morgen oft in die Sucht. das sollte man sich immer bewußt machen.
    du bist noch jung, was solls?
    die andere seite ist die, du hast damit angefangen, weißt nicht genau, wie deine zukunft aussieht, dann warte es erstmal ab. mache das studium, die praxis sieht oft anders aus.
    unser großer wollte informatik studieren. ein jahr hat er es ausgehalten(war zu schwer), dann hat er auch bwl studiert. hat heute einen guten job und fühlt sich wohl.
    unsere kleine(21) hat sich in den kopf gesetzt medizin zu studieren. das hat nicht geklappt, jetzt versucht sie über die wartesemester doch noch ein bein in die tür zu bekommen. zwischenzeitlich macht sie ne ausbildung zur krankenschwester.
    wir haben unsere kinder nie zu etwas gedrängt, wissen aber, dass kinder das bestreben haben, besser als die eltern zu sein. warum das so ist, keine ahnung.
    :ce:wahrscheinlich wird man so erzogen.

    lg uwe

    ps: mein sich widersprechen ist absicht.:gi:

  • Hallo ihr beiden,

    heute geht es mir schon besser. Ich habe Mut gefasst und mich dazu entschlossen, die restlichen Tage zu nutzen und doch noch die Arbeit zu schreiben.

    Besser sein zu wollen als die Eltern, hm das stimmt bei mir zum Teil. Ich glaube, meine Eltern wollten vor allem, das aus mir was wird, dass ich mehr Möglichkeiten habe als sie und nicht immer nur buckeln muss und mir alles gefallen lassen muss im Job. Ich habe mir extra einen Beruf ausgesucht, den noch keiner in meiner Familie ausgeübt hat, der mir nicht zu schwierig, aber interessant genug schien. BWL ist ja auch so vielseitig wie es verschiedene Unternehmen gibt.

    Mein Studium habe ich mir selbstbestimmter vorgestellt - die Stundenpläne sind doch recht festgelegt und die Wahlmöglichkeiten nur begrenzt. Naja, vielleicht lag es auch an der trockenen Materie meines Schwerpunkts, der mir ehemals spannend erschien. Vor allem aber lag es an den Mitstudenten, die sich komplett dem Leistungswettbewerb unterwarfen, anstatt das gemeinsame Lernen in kleineren Gruppen zu genießen. Es gab sehr viele Streber, die schon während des Studiums einen Unterschied machen wollten, sich zu Vorlesungen business-like kleideten, mit den Professoren schäkerten, als ob sie etwas Besseres wären. Das ist nicht meine Welt. Ich habe mich immer über diese Lackaffen lustig gemacht. Leider trieb das meine Motivation, selbst gut zu sein, in den Keller - weil ich wollte nicht so wie die sein. Naja. Ich nahm alles etwas gelassener und wollte mich partout nicht dieser Notengeilheit unterwerfen. Ich war damit eine der wenigen und fühlte mich isoliert.

    Aber damit habe ich längst abgeschlossen. Ich kann die Menschen nicht ändern. Es gibt solche und solche. Ich gehe meinen Weg weiter und lasse mich nicht verbiegen. Was ich für falsch halte, das mache ich nicht.

    Meine Vorurteile in Bezug auf Psychiater rühren aus meiner frühen Kindheit. Ich habe die Depressionen meiner Mutter und ihre Behandlung mehr oder weniger miterlebt. Ich weiß, wie herzlos manche Psychiater ihren Patienten niederschmetternde Diagnosen ins Gesicht werfen und was für eine Wirkung das auf deren Zustand hat. Die Medizin, Ärzte und was noch alles konnten meine Mutter auch nicht retten. Ich weiß, dass es in Deutschland extrem schwer ist, als Kranker anerkannt zu werden und Berufsunfähigkeit zugesprochen zu bekommen. Es ist besser, man ist nicht krank, außer man hat Kohle. Und wenn man kein Geld hat, sollte man so tun als ob man gesund ist und bis zum Umfallen arbeiten. Es gibt vielleicht gute Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte als Ausnahmen. Dann hat man allenfalls Glück, wenn man an solche gerät.

    Liebe Grüße

    Anna

  • Hallo Anna Jolie,

    Bei vielem was du bezüglich des Studiums schreibst, erkenne ich mich wieder. Aber ich möchte auf etwas anderes eingehen:

    Zitat

    Meine Vorurteile in Bezug auf Psychiater [Blockierte Grafik: http://1.1.1.3/bmi/www.suchtundselbsthilfe.de/forum/images/misc/vbglossarlink.gif] rühren aus meiner frühen Kindheit. Ich habe die Depressionen [Blockierte Grafik: http://1.1.1.3/bmi/www.suchtundselbsthilfe.de/forum/images/misc/vbglossarlink.gif] meiner Mutter und ihre Behandlung mehr oder weniger miterlebt. Ich weiß, wie herzlos manche Psychiater [Blockierte Grafik: http://1.1.1.3/bmi/www.suchtundselbsthilfe.de/forum/images/misc/vbglossarlink.gif] ihren Patienten niederschmetternde Diagnosen ins Gesicht werfen und was für eine Wirkung das auf deren Zustand hat.[

    (sorry, Zitierfunktion spinnt bei mir gerade ein bissl)

    Ich habe das Gefühl, dass du etwas vermischst. Psychiater und Therapeuten sind etwas sehr unterschiedliches! Zu einem Psychiater würde ich auch nicht gehen (oder höchstens wegen etwas für die KK)! Zu einem Therapeuten hingegen schon, der hat auch überhaupt nichts mit Medikamenten zu tun. Ich kann ebenfalls behaupten, dass ich durch meine Mutter ein extrem schlechtes Bild der psychosozialen Interaktion habe. Natürlich gibt es viele schwarze Schafe, aber die lassen sich meist im Vorfeld aussortieren. Das sollte nicht das entscheidende Argument sein. Zumal man als Kind die Welt ganz anders wahrnimmt und die Welt auch z.T. manipuliert ist. Wenn du Hilfe brauchst, dann traue dich, es einmal wirklich auszuprobieren: Bilde dir deine eigene -erwachsene- Meinung aufgrund deiner direkten Erfahrung und greif nicht auf die kindliche indirekte Erfahrung zurück. Ist nicht leicht, aber man kann sich richtig einlassen, wenn man seine Vorurteile und die damit verbundene Angst mal kurz außer Acht lässt.
    lg,
    grany

  • Danke liebe Grany, für diese Perspektive. Ich halte es aber nicht für notwendig oder wünschenswert, meine Psyche professionell analysieren zu lassen. Wer zu tief wühlt, findet immer etwas - aber wozu das alles? Es wühlt nur auf.

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