Halloween ´84:
"Durch ein Pärchen, das sich ebenfalls in unserem FOS-Kurs befindet und von dem wir regelmäßig Dope (Hasch) kaufen, bin ich auf eine neue Droge aufmerksam (gemacht) geworden, von deren Existenz ich zwar wusste, die ich aber noch nie ausprobiert habe. Und Manni hat sie für mich besorgt und heute, am 31. Oktober, zur Schule mitgebracht. Es handelt sich um einen LSD-Trip. Nach Schulschluss fahren Manni, seine Freundin, Tina und ich mit dem Bus nach Wedau und gehen zu Tina ins Zimmer.
Da der größte Teil der Clique illegalen Drogen ohnehin skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenübersteht, muss hiervon niemand etwas mitbekommen. Zuerst rauchen wir ein paar Bongs (mit Wasser gefülltes Rauchgerät für Hasch), ich nippe zusätzlich an meinem Whisky. Dann wickelt Manni die - in Alufolie verpackten - Trips aus. Es sind “braune Mikros”, winzige braune Kügelchen, nur wenig größer als ein Körnchen eines Mohnbrötchens. Die Kügelchen enthalten die Säure namens Lysergsäurediäthylamid.
Tina nimmt keinen Trip, weil ihr das zu gefährlich erscheint. Ich nehme mein Kügelchen in den Mund und drücke es mit der Zunge - wie von Manni empfohlen - gegen den Gaumen und reibe es daran. Ich schmecke ein leichtes Eisen-Aroma und spüle das Ding mit einem Schluck Jack Daniels ´runter. Manni und seine Freundin raten mir eindringlich davon ab, zu dieser Fete zu gehen. Man befinde sich auf einem vollkommen anderen Level als die alkoholisierten Party-Gäste und könne mit denen nichts mehr anfangen, sagen sie."
Gruß, Paule
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"Ich solle mit ihnen - Manni und seine Freundin haben auch einen Trip geschluckt - in den Wald kommen. Das sei wirklich besser für mich. Okay, dieses LSD wird gewiss etwas stärker als Dope sein, aber das, was die Beiden mir da erzählen, erscheint mir gnadenlos übertrieben. Schließlich preist jeder Dealer seine Ware so gut wie möglich an. Nach zehn Minuten verlassen wir Tinas Wohnung, Manni und seine Freundin verabschieden sich in den dunklen Wald an der Sechs-Seen-Platte, Tina und ich gehen runter zur Fete.
Ich merke noch gar nichts, befürchte schon, zwanzig Mark für ein Placebo ausgegeben zu haben. Die Fete ist bereits in vollem Gange, doch Mac und ich stehen noch auf dem Hof, quatschen etwas. Zwanzig Minuten sind vergangen, aber nichts tut sich. Der Bong und der Whisky zeigen Wirkung, es wird eine ganz normale Party werden - auch gut. Es beginnt leicht zu regnen, und Mac meint, dass ein Schirm jetzt ganz angebracht sei. Eine ebenso belanglose wie auch überflüssige Bemerkung, wie ich finde. Schließlich kann man ja in den Keller gehen.
Und trotzdem hallen diese Worte seltsam in meinem Kopf nach. So seltsam, dass ich zu lachen anfange. Ein Schirm wäre jetzt ganz gut - ha, welch ein Wahnsinn! Mac lacht auch - eher wohl solidarisch - und merkt an, dass ich ja ziemlich gutes Dope geraucht haben müsse, um so zu lachen."
Gruß, Paule
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"Ich spüre, dass es nicht an dem Bong liegen kann, vermag es Mac allerdings nicht mehr zu sagen, weil ich viel zu sehr mit dem Lachen beschäftigt bin. Ich lache immer stärker, lache Tränen und kann meinen Atem kaum noch regulieren oder dem Lachen anpassen. Das Lachen dringt aus jeder Pore meiner Haut, ich lache mit jeder Faser meines Körpers, alles in und an mir lacht - ICH BIN DAS LACHEN! Mit den Fäusten trommle ich gegen die Hauswand, kann es nicht mehr aushalten.
Ich versuche daran zu denken, an was ich denken könnte, denn irgendwie denke ich nicht mehr. Das Lachen lässt nach. Plötzlich springt das Haus - ein zweistöckiger Altbau mit Satteldach - zurück. Richtig von mir weg springt es, steht jetzt fünf Meter weiter hinten. Ich begreife es nicht! Das Haus ist jetzt von unzähligen Adern durchzogen, durch die in fluoreszierenden Rot- und Blautönen das Blut fließt. Und es atmet, die Wand hebt und senkt sich. Das ist gar kein Haus, sondern ein steinernes Monster, das bedrohlich auf mich lauert.
Faszinierend und erschreckend zugleich. Hin und wieder verlässt jemand den Party-Keller, wahrscheinlich um pinkeln zu gehen oder was weiß ich. Manch einer quatscht mich an, aber ich sage nichts, weil ich nicht weiß, ob ich noch sprechen kann. Die Gesichter der Gäste sind total verzerrt und wirken sterbend. Irgendwie schaffe ich es, zu dem wenige Meter neben mir liegenden Kellergang zu kommen. Ich will nur noch weg hier und gehe durch die Tür, aus der ich vor Stunden (? - ich habe kein Zeitgefühl mehr) zur Fete gegangen bin."
Gruß, Paule