Geschichtsfragmente

  • Halloween ´84:

    "Durch ein Pärchen, das sich ebenfalls in unserem FOS-Kurs befindet und von dem wir regelmäßig Dope (Hasch) kaufen, bin ich auf eine neue Droge aufmerksam (gemacht) geworden, von deren Existenz ich zwar wusste, die ich aber noch nie ausprobiert habe. Und Manni hat sie für mich besorgt und heute, am 31. Oktober, zur Schule mitgebracht. Es handelt sich um einen LSD-Trip. Nach Schulschluss fahren Manni, seine Freundin, Tina und ich mit dem Bus nach Wedau und gehen zu Tina ins Zimmer.

    Da der größte Teil der Clique illegalen Drogen ohnehin skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenübersteht, muss hiervon niemand etwas mitbekommen. Zuerst rauchen wir ein paar Bongs (mit Wasser gefülltes Rauchgerät für Hasch), ich nippe zusätzlich an meinem Whisky. Dann wickelt Manni die - in Alufolie verpackten - Trips aus. Es sind “braune Mikros”, winzige braune Kügelchen, nur wenig größer als ein Körnchen eines Mohnbrötchens. Die Kügelchen enthalten die Säure namens Lysergsäurediäthylamid.

    Tina nimmt keinen Trip, weil ihr das zu gefährlich erscheint. Ich nehme mein Kügelchen in den Mund und drücke es mit der Zunge - wie von Manni empfohlen - gegen den Gaumen und reibe es daran. Ich schmecke ein leichtes Eisen-Aroma und spüle das Ding mit einem Schluck Jack Daniels ´runter. Manni und seine Freundin raten mir eindringlich davon ab, zu dieser Fete zu gehen. Man befinde sich auf einem vollkommen anderen Level als die alkoholisierten Party-Gäste und könne mit denen nichts mehr anfangen, sagen sie."

    Gruß, Paule

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    "Ich solle mit ihnen - Manni und seine Freundin haben auch einen Trip geschluckt - in den Wald kommen. Das sei wirklich besser für mich. Okay, dieses LSD wird gewiss etwas stärker als Dope sein, aber das, was die Beiden mir da erzählen, erscheint mir gnadenlos übertrieben. Schließlich preist jeder Dealer seine Ware so gut wie möglich an. Nach zehn Minuten verlassen wir Tinas Wohnung, Manni und seine Freundin verabschieden sich in den dunklen Wald an der Sechs-Seen-Platte, Tina und ich gehen runter zur Fete.

    Ich merke noch gar nichts, befürchte schon, zwanzig Mark für ein Placebo ausgegeben zu haben. Die Fete ist bereits in vollem Gange, doch Mac und ich stehen noch auf dem Hof, quatschen etwas. Zwanzig Minuten sind vergangen, aber nichts tut sich. Der Bong und der Whisky zeigen Wirkung, es wird eine ganz normale Party werden - auch gut. Es beginnt leicht zu regnen, und Mac meint, dass ein Schirm jetzt ganz angebracht sei. Eine ebenso belanglose wie auch überflüssige Bemerkung, wie ich finde. Schließlich kann man ja in den Keller gehen.

    Und trotzdem hallen diese Worte seltsam in meinem Kopf nach. So seltsam, dass ich zu lachen anfange. Ein Schirm wäre jetzt ganz gut - ha, welch ein Wahnsinn! Mac lacht auch - eher wohl solidarisch - und merkt an, dass ich ja ziemlich gutes Dope geraucht haben müsse, um so zu lachen."

    Gruß, Paule

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    "Ich spüre, dass es nicht an dem Bong liegen kann, vermag es Mac allerdings nicht mehr zu sagen, weil ich viel zu sehr mit dem Lachen beschäftigt bin. Ich lache immer stärker, lache Tränen und kann meinen Atem kaum noch regulieren oder dem Lachen anpassen. Das Lachen dringt aus jeder Pore meiner Haut, ich lache mit jeder Faser meines Körpers, alles in und an mir lacht - ICH BIN DAS LACHEN! Mit den Fäusten trommle ich gegen die Hauswand, kann es nicht mehr aushalten.

    Ich versuche daran zu denken, an was ich denken könnte, denn irgendwie denke ich nicht mehr. Das Lachen lässt nach. Plötzlich springt das Haus - ein zweistöckiger Altbau mit Satteldach - zurück. Richtig von mir weg springt es, steht jetzt fünf Meter weiter hinten. Ich begreife es nicht! Das Haus ist jetzt von unzähligen Adern durchzogen, durch die in fluoreszierenden Rot- und Blautönen das Blut fließt. Und es atmet, die Wand hebt und senkt sich. Das ist gar kein Haus, sondern ein steinernes Monster, das bedrohlich auf mich lauert.

    Faszinierend und erschreckend zugleich. Hin und wieder verlässt jemand den Party-Keller, wahrscheinlich um pinkeln zu gehen oder was weiß ich. Manch einer quatscht mich an, aber ich sage nichts, weil ich nicht weiß, ob ich noch sprechen kann. Die Gesichter der Gäste sind total verzerrt und wirken sterbend. Irgendwie schaffe ich es, zu dem wenige Meter neben mir liegenden Kellergang zu kommen. Ich will nur noch weg hier und gehe durch die Tür, aus der ich vor Stunden (? - ich habe kein Zeitgefühl mehr) zur Fete gegangen bin."

    Gruß, Paule

  • bitte weiter,paule *neugierig bin*...

    by the way, wenn de keine ermahnung bzw eine verwarnung erhalten willst, nicht so viele beiträge hier kurz hintereinander posten. füg sie doch zu einem beitrag zusammen, das, was du heut hier schreiben willst mein ich...

    lg,
    MEA

    ps: was is denn ein FOS-kurs?



  • HUCH - danke für den Hinweis! Ich mache das nicht, um möglichst viele Beiträge zu sammeln sondern um die Sache leserlicher zu gestalten. Mir geht es jedenfalls so, dass ich, wenn ich einen Riesenblock vor mir sehe, mich etwas schwer mit dem Lesen tue. Deshalb lockere ich den Text ein wenig auf.

    Aber okay, bevor ich mir wieder ´nen "Anpfiff" rein ziehe, beherzige ich Deinen Rat mal besser. FOS ist das Kürzel für Fachoberschulreife (die ich jedoch nie erlangte :grinning:)...

    Also weiter im Text...

    "Ich will zur Treppe und dann ´raus auf die Straße. Der Kellergang ist sehr schmal, vielleicht 80cm, und mit ca. 1,85m auch nicht sehr hoch. Die Wände und die Decke sind grob verputzt und weiß gestrichen. Normalerweise. Jede Delle, jede Unebenheit, jedes noch so kleine Löchlein auf/in diesen Flächen stellt jetzt ein Auge dar. Alle Nebengänge, Zwischenräume, die Wände des Treppenaufganges, einfach alles ist übersät mit Augen in allen möglichen Größen.

    Und diese Augen werden von allen erdenklichen Farben - und auch von welchen, die es eigentlich gar nicht gibt - durchflossen. Ich bin von einem Augen-Gewitter, einem Augen-Inferno umgeben, und alle Augen wollen etwas von mir, doch ich weiß nicht, was. Ich muss schnell ´raus hier, will endlich zur rettenden Treppe. Aber was ist das?!? Ein Spinnennetz versperrt mir den Weg. Das Netz füllt den kompletten Querschnitt des Ganges aus. Das Spektrum der Dicke der recht wenigen einzelnen Fäden erstreckt sich von hauchdünn über haardünn und fingerdick bis hin zu armdick.

    Und jeder Faden oder Strang wird wieder von überirdischen, ständig wechselnden Farben durchströmt. Ich greife ins Netz und will es zerreißen, beiße ´rein, aber es ist zu stark. Da gebe ich auf und beschließe, wieder auf den Hof zu gehen. Nur funktioniert das nicht, weil mir jetzt ein zweites Netz den Weg versperrt. Ich bin in diesem Gang gefangen. Meine Augen kann ich nicht schließen, weil es ganz einfach nicht geht. Ich fange an zu heulen, oder besser: Ich vermute, dass ich heule, denn ich spüre keine Tränen. Und bin mir sowieso nicht mehr über die genaue Definition meiner Empfindungen im Klaren.

    Ich weiß auch nicht mehr, wer ich überhaupt bin - habe meinen Namen vergessen! Ich versuche krampfhaft, mich daran zu erinnern, einen Bezug zu meiner Person herzustellen, doch es misslingt. Im sterbend-trüben Schein der mickrigen 25W-Kellerbeleuchtung - die komischerweise noch halbwegs normal wirkt - sehe ich jemanden die Treppe herunterkommen. Das schneeweiße Gesicht ist von züngelnden Flammen eingerahmt."

    Gruß, Paule

  • Zitat von Alice Dee;148582

    HUCH - danke für den Hinweis! Ich mache das nicht, um möglichst viele Beiträge zu sammeln sondern um die Sache leserlicher zu gestalten. Mir geht es jedenfalls so, dass ich, wenn ich einen Riesenblock vor mir sehe, mich etwas schwer mit dem Lesen tue. Deshalb lockere ich den Text ein wenig auf.

    ja, kann ich verstehen, ich mag auch keinen ellenlangen texte lesen, aber musst halt drauf achten, oder eben ne pause von glaube 20 min nehmen (editierzeit).

    MEA

    ps: danke für die "aufklärung" *g*

  • Wenn meine Posts durch ein Fremdposting unterbrochen werden, kann man mir doch kein Doppelposting anhängen, oooder...?!

    Und weiter im Text:

    "Ein kleiner Funke von Wirklichkeit huscht durch meinen Kopf, ich erkenne ein Mädel, bei dem es sich möglicherweise um Patty handeln könnte (denn sie hat rote Haare). “Hey, was machst du denn hier?”, höre ich ihre Stimme sagen. Ich frage - in einer Stimmlage, die mir absolut fremd ist -, ob sie Patty sei. Und sie antwortet:”Ja, natürlich bin ich die Patty!” - Ich freue mich unheimlich darüber, sie erkannt zu haben und sage ihr das auch. Mit meiner seltsam vernebelten Stimme, die ungefähr so klingt, als wolle ich laut flüstern, versuche ich, ihr zu erklären, dass ich hier gefangen sei, doch Patty hält das wohl für einen Scherz. Sie verlässt den Keller und geht zur Fete. Ich bin wieder allein - mit all den Augen und den beiden Spinnennetzen.


    Nach unendlich langer Zeit taucht Tina im Gang auf - die ja als Einzige weiß, was ungefähr mit mir los ist -, nimmt mich an der Hand und führt mich hinaus in den Hof. Ich gehe in das Gängschen, das vis-a-vis der Kellertür beginnt und nach vielleicht 30 Metern auf das Haupt-Gängschen trifft, das alle Gärten hinter den Häusern miteinander verbindet. Dieses Gängschen ist ca. einen Meter breit und zu beiden Seiten von etwa zwei Meter hohen Hecken gesäumt. Die Hecken schießen nach oben, sind viel höher als das Haus. Ich bin in einem Dschungel. Bernie kommt mit seiner verzerrten Fratze des Weges und geht pinkeln. “Das ist der Never-get-back-Trip, da kommst du niemals von zurück!”, sage ich zu ihm. Immer noch laut flüsternd und diesmal auch mit einer für mich untypischen Konstellation der Wörter innerhalb des Satzes. Bernie kann damit natürlich überhaupt nichts anfangen und geht wieder in den Keller."

    Gruß, Paule

  • Zitat von Alice Dee;148586

    Wenn meine Posts durch ein Fremdposting unterbrochen werden, kann man mir doch kein Doppelposting anhängen, oooder...?!

    ich würde sagen ja,bin mir da aber nicht ganz sicher...der zuständige mod wird´s schon richten.

  • Zitat von Mea parvitas;148587

    ich würde sagen ja,bin mir da aber nicht ganz sicher...der zuständige mod wird´s schon richten.



    Okay, dann jetzt der Rest (für heute)...

    "Eigentlich will ich das Gängschen weitergehen, um dann über das Hauptgängschen zur Straße zu gelangen, doch ich blicke in eine undurchdringliche Schwärze - traue mich nicht. So gehe ich wieder zurück auf den Hof. Ulfs Yamaha - die relativ normal aussieht - steht dort. Ich will mich draufsetzen, doch sie springt weg von mir. Ich stehe zwischen der Kellertür (zum Gang mit den Augen) und dem Gängschen, sehe hinauf zum Himmel und blicke in ein Feuerwerk, wie ich es noch nie gesehen habe.

    Als Steini, ein weiterer Partygast, zum Pinkeln geht, frage ich ihn, ob wir Silvester haben. “Was ist ´n mit dir los?”, fragt er lachend und setzt seinen Weg fort. Mein Blick fällt auf den Boden, der nun jedoch so aussieht, wie man sich vielleicht die Satelliten-Aufnahme eines tropischen Regenwaldes vorstellen könnte. Nur eben viel, viel farbenprächtiger und strahlender. Urplötzlich wird dieser Regenwald kleiner, und ich schieße in die Höhe, befinde mich auf einem sehr spitzwinkligen Kegelstumpf. Dessen obere Fläche ist so klein, dass sie gerade einmal meinen Füßen Platz bietet.

    Ich bin jetzt ungefähr in der Höhe des Hausdaches, aber wenn ich nach unten sehe, erscheint es mir viel höher. Nur ein winziger Schritt zur Seite, und ich stürze unweigerlich ab. Hinab in den hunderte Meter tiefer liegenden schillernden Regenwald. Ich beobachte die Leute, die dann und wann den Party-Keller verlassen, von hoch oben. Zum Glück dauert es nicht sehr lange, bis ich wieder unten bin (obwohl ich natürlich nicht weiß, wie lange ich wirklich oben gewesen bin)."

    Gruß, Paule

  • hey paule,

    liest sich sehr flüssig und interessant. Und ich denke so ein detailierter Erfahrungsbericht kann viele Leute in seinen Bann ziehen, entweder weil sie Trips der Art kennen oder eben gerade weil sie sie nicht kennen. Du hast ne sehr abwechslungsreiche Wortwahl und doch eine leicht verständliche Sprache. Das gefällt mir sehr. Einzig mit dem Wort "Gängschen" hab ich so meine Probleme, vor allem weil es recht oft vorkommt. Vielleicht findest du ein besseres Wort dafür. Ein Gang, ein Korridor, ein Weg, ein Gässchen kann ja auch schon schmal sein.

    Aber das ist eben ne Kleinigkeit. Ich hoffe, ich kann noch mehr von dir lesen!
    Wie lang wird die Geschichte werden? Ist sie bereits fertig?

    LG
    bender

  • "Alles um mich herum sieht wieder halbwegs normal aus, nur strahlt es mich immer noch unnatürlich an. Ich nutze die Gelegenheit dazu, endlich mal zur eigentlichen Party in den Keller zu gehen. Doch gerade drin, geht es wieder mit unverminderter Wucht weiter. Alle Leute sind Skelette, nur mit etwas dünner, fahler Haut bespannte Ex-Menschen, ohne Muskeln, ohne Fettgewebe. Doch mit Haaren, Kleidung und Augen, die tief in ihren Höhlen sitzen. Es läuft Michael Jacksons “Thriller”, der Sound kriecht in fetten, wahnsinnigen Farbschwaden aus den Boxen und kommt zu mir.

    Ich greife nach der Musik und nehme sie in beide Hände, bin fassungslos, dass ich den Song sehen und fühlen kann. Mein Blick fällt wieder auf die Gäste, die mittlerweile zu schimmeln begonnen haben. Sie haben überall große weiße Flecken, Einigen hängt die Gesichtshaut nur noch in Fetzen herab. Ich ermahne jeden, dass dies der Angriff aus dem Universum sei, wir werden alle untergehen! Die müssen doch mitkriegen, was hier abgeht - ja, sehen die denn nicht, wie sie verschimmeln?! Aber sie lachen nur.

    Immer noch läuft “Thriller”, der Song scheint nie aufzuhören. Der ganze Raum versinkt förmlich in den fetten Farben der Musik. Irgendwer gibt mir eine Flasche Cola, ich verlasse den Keller wieder und setze mich draußen auf eine kleine Mauer. Meine Rest-Logik sagt mir, dass es besser sei, Alkohol zu vermeiden. Ich befürchte, dass die Wirkung des Trips dann noch heftiger werden könnte. Endlich schaffe ich es, mir eine Zigarette zu drehen. Nicht, dass ich Schmacht hätte, aber allein die Tatsache, dass ich eine Zigarette drehen kann, bringt mich der Realität einen großen Schritt näher. Die Flamme des Feuerzeuges sieht auch recht normal aus, doch die Glut der Zigarette hat schon wieder was Seltsames an sich."

    Gruß, Paule

  • "Sie sieht zwar aus wie Glut, wirkt auf mich jedoch eher wie ein kleiner Klumpen glühenden Stahles; ich fühle, wie eine enorme Hitze auf meine Hand abstrahlt. Der Rauch eines jeden Zuges fühlt sich an, als habe er die Konsistenz von Zuckerwatte, die sich - in der Luftröhre angekommen - wieder in annähernd normalen Rauch verwandelt. In sehr dicken Rauch, den ich wie ein Staubsauger einsauge. Die Finger, die die Zigarette halten, sind seltsam knochig, so, als sei ich stark abgemagert.

    Die Hauswand wabert nur noch leicht, und auch die Adern sind nicht mehr so ausgeprägt wie am Anfang. Ich gehe wieder zurück in den Keller, kurze Zeit später ist der Wahnsinn zurückgekehrt. In meiner Verzweiflung versuche ich den Leuten zu erklären, was in mir vorgeht, aber niemand versteht mich. Vielleicht sage ich aber auch etwas ganz Anderes als das, was ich selber höre. Jemand schiebt Veronique zu mir, ich soll mit ihr tanzen! Ja, glauben die denn, ich habe Liebeskummer?! Verhält sich so jemand, der Liebeskummer hat??!! Und jetzt soll ich tanzen?!

    Ich weiß nicht, wo oben und unten ist - und soll jetzt tanzen…?!?!? Da stehe ich nun mit Veronique, blicke in ein Gesicht, das für mich wie eine bunte Landkarte mit zwei bunten Riesenaugen aussieht. Wir drehen uns in einem Meer von Farben, Michael Jacksons Thriller und verschimmelnden Skeletten und schießen in die Höhe. Um nicht abzustürzen, klammere ich mich an Veronique fest, denn die Fläche des Kegelstumpfes, den ich gar nicht erkennen kann, ist für zwei Personen eigentlich viel zu klein. Volker und Piero reden auf mich ein, wieder erzähle ich vom “Never-get-back-Trip”. Die Beiden nehmen mich in ihre Mitte und führen mich zur Straße.

    Der Weg durch den Kellergang wird zwar nicht mehr durch Spinnennetze versperrt, und auch die Augen sind verschwunden, aber es erscheint jetzt alles wahnsinnig kompliziert. Ich fühle mich wie in einem Labyrinth, wie bei einer Flucht aus der Grabkammer einer Pyramide. Die Decke senkt sich herab, ich kapiere die Funktion der Treppe nicht mehr. Irgendwann sind wir auf der Straße, steigen in Pieros Kadett. Als er den Motor startet, klingt es, als befänden sich hundert brüllende Löwen unter der Haube. Aber mir ist das mittlerweile egal. Ich beginne mich mit dem Irrsinn zu arrangieren, weil ich nicht mehr davon ausgehe, daraus zurückzukehren."

    Gruß, Paule

  • Yep, liest sich ziemlich gut.........
    Was mich allerdings wundert, wie distanziert beobachtend ohne Panikanfälle, Du da alleine durch bist, vorallem alleine. Also, so hört sich das zumindest an; Deine Kumpels scheinen ja irgendwo anderweitig beschäftigt gewesen zu sein.
    Ich hatte da immer jemand Vertrauten an meiner Seite. Hatte das auch mal, dass das auf einer Party losging, ich mußte da umgehend weg in eine ruhigere Umgebung, sonst wären meine Gehirnwindungen vor lauter Reizüberflutung explodiert;)

    LG,
    Kassi

  • "Im Dirschauer Weg angekommen, realisiere ich, dass man mich nach Hause bringen will. Bloß das nicht! Meine Elten riefen sofort den Arzt, und auf Krankenhaus-Horror habe ich überhaupt keinen Bock. Bestimmt wiese man mich in die geschlossene Psychiatrie ein, pumpte mich mit Psychopharmaka voll. Keine harmlose bunte Fete, sondern Anstalt! Ich beknie die Beiden, mich wieder mit zurückzunehmen. Was sie zum Glück auch tun. Als ich vor Ulfs Haus aus dem Auto steige und zum Hauseingang gehen will, trete ich auf der Stelle. Das heißt, ich gehe und gehe, bewege ich mich aber keinen Millimeter vorwärts.

    Mit Volker und Piero funktioniert es dann aber doch. Der Weg die Treppe hinunter und durch den Keller ist zwar immer noch kompliziert, wirkt jetzt aber nur noch wie eine mittelschwere Prüfung, die man ohne größere Probleme bestehen kann. Im Party-Keller selbst ist es erstaunlich leer geworden, lediglich ein paar Skelette stehen und sitzen noch an der Theke. Sie interessieren mich aber nicht mehr, ich nehme sie nur noch als gegeben hin. Lothar hat seine akustische Gitarre von oben geholt, beginnt darauf zu spielen. Als er die Saiten anschlägt, fliegen diese weit auseinander und werden von grellen roten und blauen Farben durchflossen. Ich wende meinen Blick ab, trinke einen Schluck Cola - und höre, wie die Flüssigkeit hinabfließt.

    Ich sehe an meinem Rumpf herab und sehe die Cola fließen, ich röntge mich, kann aber keine inneren Organe erkennen. Vielmehr sehe ich durch mich hindurch, kann von vorne den hinteren Teil der Sitzfläche des Barhockers, auf dem ich sitze, sehen. Ich lege Daumen und Zeigefinger an meine Wangen, doch in der Mitte meiner Mundhöhle treffen die Knochen der Fingerspitzen aufeinander, greife mir an den Schwanz, fühle jedoch nur Knochen. Jetzt bin auch ich ein Skelett. Mir reicht ´s. Ich nehme ein Weinglas vom Tresen und zerschlage es. Wenn ich mein Fleisch nicht mehr fühle, kann ich mir auch die Adern aufschlitzen. Ulli reißt mir den abgebrochenen Stiel des Glases aus der Hand. Wir gehen nach draußen. Es ist bereits fast hell. Langsam kristallisiert sich die Umgebung aus der Morgendämmerung heraus."

    Gruß, Paule

  • Zitat von Kassandra;148601


    Was mich allerdings wundert, wie distanziert beobachtend ohne Panikanfälle, Du da alleine durch bist, vorallem alleine. Also, so hört sich das zumindest an; Deine Kumpels scheinen ja irgendwo anderweitig beschäftigt gewesen zu sein.



    Nun, ich hatte ja großzügig darauf verzichtet, mit dem Dealer und seiner Freundin in den Wald zu gehen, wollte lediglich eine Party mit "dem gewissen Etwas" feiern. Die Einizige, die wusste, dass ich ´nen Trip drin hatte, war Tina, doch auch die wusste nicht, was genau in mir vorging, weil sie selber schließlich keine Erfahrung damit hatte.

    Die restlichen Partygäste waren damit beschäftigt, sich wie immer die Rübe zuzuschütten. Und mit meinen "Never-get-back-Trip-Erklärungen" konnten die sowieso nichts anfangen. Zur Panik: Das kann ich nur sehr schlecht in Worte fassen, denn eigentlich war der ganze Trip eine einzige riesengroße Panik. Nur hatte er mich auch so stark in seinem Griff, dass er eine herkömmliche Panik überhaupt nicht zuließ.

    Da lief ein Film ab, dessen Hauptdarsteller und Handlung ich zugleich gewesen bin. Meine Reaktionen waren allein auf die verschrobenen Wahrnehmungen beschränkt, die mich fortwährend umgaben. Hin und wieder lockerte der Trip seine Zügel und gönnte mir eine minimale Verschnaufpause. Die gaukelte mir dann aber das scheinbare Ende des Irrsinns vor, ich wurde übermütig - und schon ging´s weiter.

    Und hier das Ende der Reise...

    "Abgesehen von einem leichten Blau- oder Rotschimmer sieht alles wieder recht normal aus. Für meine Verhältnisse fast schon “unnormal normal”. Ulli fragt mich, ob mir denn nicht kalt sei. Immerhin schreiben wir den ersten November, man kann den Atem sehen, es müssten so 4 bis 5°C sein. Ich trage nur ein T-Shirt, friere aber kein bisschen. Die Sonne kriecht hinter den Häusern der Wolfskuhl (Parallelstraße der Rüsternstraße) hervor. Es sieht wundervoll aus. Alles sieht wunderschön aus: die Sonne, der blaue Himmel, der grüne Rasen, die Hecken, die Wäscheleinen.

    Wieder und wieder betrachte ich die Umgebung, immer darauf gefasst, von einer unpassenden Farbe, einer explodierenden Sonne oder was weiß ich überrascht zu werden. Doch nichts dergleichen geschieht. Alle Farben scheinen zwar noch einen Tick zu kräftig zu sein, doch die Dimensionen der Dinge, die Bewegungen der Äste im Wind, die Geräusche dazu - das alles passt wieder zueinander. Vor allen Dingen höre ich Geräusche - und sehe sie nicht auch noch. Nach über zehn Stunden bin ich wieder Herr meiner Sinne. Und überglücklich. Aber auch sehr erschöpft.

    Ich kann mich nicht entsinnen, rein körperlich jemals so “kaputt” gewesen zu sein. Ich fühle mich, als wäre ich die vergangene Nacht nur gerannt und gerannt und gerannt. Ich habe Hunger. Wir gehen in den Saalbau, wo ich mir ein Schnitzel mit Pommes bestelle. Danach wage ich ein Bier, aber alles bleibt normal. Dann kann ein zweites auch nicht schaden. Immerhin habe ich die eigentliche Fete ja verpasst. Und die muss ich jetzt wenigstens ein bisschen nachholen."

    Gruß, Paule

  • "Das permanente ´Rumhängen in der Wohnung, nur zu schreiben, zu lesen, fernzusehen, zu essen und zu trinken, geht mir mittlerweile gehörig auf den Zeiger. Es wird Sommer, ich muss ´raus. Und denke über den Kauf eines Fahrrades nach. Es muss und soll auch gar nicht neu sein, denn die modernen Räder gefielen mir ja noch nie. So pappe ich kurzerhand eine Suchanzeige ans schwarze Brett bei Edeka: “altes 28er Herrenrad gesucht, Zustand zweitrangig.”

    Bereits wenige Tage später erhalte ich den Anruf eines älteren Herrn, der ein altes 28er anbietet, und mache einen Besichtigungstermin mit ihm aus. Er wohnt in Alt-Wedau, und als ich das Rad in Augenschein nehme, erkenne ich eines dieser typischen “vergessenen Räder”. Die man irgendwann nicht mehr braucht und einfach wegstellt - genau das Richtige für mich. Der Mann will es mir schenken, doch das möchte ich nicht. “Okay, wenn Sie mir unbedingt was geben wollen, dann geben Sie mir zehn Mark.”, sagt er. Ich gebe ihm einen Zwanziger, bedanke und verabschiede mich. Bei mir im Keller wird dem Rad ungefähr die gleiche Behandlung zuteil wie damals dem alten Rixe, mit dem ich im Sommer ´90 nach Münster gefahren bin.

    Schutzbleche, Gepäckträger, defekte Beleuchtung und wirkungslose Vorderradbremse werden demontiert, den Lenker tausche ich gegen ein hohes Exemplar, die grün gestrichenen Felgen nebele ich mattschwarz über. Fertig ist mal wieder der “Chopper”. Planlos fahre ich in der Gegend umher, lande letztendlich aber auf den Strecken meiner Vergangenheit, durchstreife die Gegenden, in denen ich damals mit meinem Vater und später mit Volker unterwegs gewesen bin.

    Ich genieße ungemein die Unabhängigkeit, nicht ständig nach einer Kneipe, Trinkhalle oder Tanke Ausschau halten zu müssen, um mich mit Bier einzudecken. Abends packe ich belegte Brote und ein paar Eistee-Dosen in die alte BW-Tasche, hänge sie genau wie damals an den nur dafür vorgesehenen Scheinwerfer und fahre hinaus in die würzig-frische Sommernacht. Abgesehen von ein paar Nachtanglern, ist im Wald niemand mehr anzutreffen. Ich fahre hoch zum “Monte Schlacko” - diesem Ende der 60er Jahre künstlich aufgeschütteten Hügel an der Sechs-Seen-Platte - und gehe die 105 Stufen zum Aussichtsturm hinauf.

    Bei einem Eistee und einer Zigarette lasse ich die nächtliche Skyline Duisburgs auf mich wirken; bei Nacht erscheint mir sogar die Schwerindustrie idyllisch. Ich fahre weiter durch den Wald, halte irgendwo in Lintorf an, esse ein Brot und drehe mir eine Kippe. Ich lege mich mitten auf den noch warmen Asphalt der ausgestorbenen Straße und blicke in den Sternenhimmel. Welch eine Wohltat, allein zu sein. Ein Gefühl, das ich in den letzten Jahren regelrecht “verlernt” hatte. Immer war jemand um mich.

    Wie ein 31-jähriger Mann fühle ich mich in dem Moment nicht gerade. Männer in meinem Alter haben in ihren 20ern für gewöhnlich studiert, gearbeitet, eine Karriere begonnen und/oder eine Familie gegründet - und liegen nicht nachts auf dem warmen Asphalt irgendeiner Straße ´rum. Die Welt der “normalen” Erwachsenen ist unheimlich weit entfernt. Mir scheint, als habe ich nach der Pubertät eine Entwicklungspause eingelegt - und irgendwie ist es ja auch so. Mein Büchlein führe ich übrigens weiter, jetzt im 16ten Jahr. Ich habe mehr als die Hälfte der Stationen meines Lebens dokumentiert. Die Bierstatistik fehlt mir schon - aber eben nur die Statistik. Diese Macke ist geblieben, ich brauche Zahlen, die zumindest einen Teilbereich meines Daseins messbar machen."

    Gruß, Paule

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