Ich möchte meinem Bruder helfen (Süchte)

  • Ich hoffe, dass es das richtige Unterforum dafür ist, und dass jemand mir auch helfen kann (und will).

    Es ist so, dass mein Bruder seit einem halben Jahr in einer eigenen Wohnung in einer neuen Stadt wohnt und dort eine Ausbildung macht. Es klappte eigentlich alles gut, nachdem er mit dem Kiffen aufgehört hatte. Nur die letzten Wochen hatte er sich wieder zurückgezogen. Wir konnten ihn nicht erreichen, kannten das von früher und machten uns Sorgen.
    Am Samstag fuhren meine Eltern zu ihm. Er sei wohl wieder vollkommen verwahrlost, hatte um die 100 Bierflaschen, 15 Pizzakartons und haufenweise Zigaretten rumliegen. Allgemeines Chaos und Unordnung. Seine Ausbildung macht er jedoch noch, sagt er zumindest (und eigentlich machte die ihm auch immer Spaß).

    Mir war klar, dass er mehr Alkohol getrunken hatte, nachdem er nicht mehr kiffte, und dass das auch nicht ungewöhnlich ist. Aber anscheinend neigt er dazu, das Ganze zu übertreiben. Ich habe Angst, dass er süchtig ist oder wird, und möchte ihm helfen.
    Ich weiß noch, als ich ihm mal helfen wollte, als er noch kiffte, aber auch nichts auf die Reihe bekam. Nach einem mehrstündigem Gespräch haute er zu einen Freund ab, nachdem ich ihm anbot, in eine Drogenberatungsstelle oder Therapie zu gehen. Danach war er für uns zwei Jahre nur noch schwer erreichbar, bis er endlich das Kiffen sein ließ.
    Deswegen habe ich Angst, ihn so offen auf das Problem anzusprechen. Er wohnt zwar zwei Stunden von mir entfernt, also noch machbar, aber ich kann und will ihn nicht kontrollieren. Er flüchtet wie ich sehr schnell und deswegen kann das echt schwierig werden.

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Ich brauche Ratschläge, was ich direkt für ihn tun kann. Das Wichtigste wird sein, dass er nicht wieder ganz tief rutscht und dann den Kontakt zu uns abbricht, denn dann kommen wir nicht mehr an ihn ran.
    Meine Eltern und ich machen uns wirklich Sorgen um ihn.

    Vielen Dank fürs Lesen und hoffentlich für Antworten

  • Hi...

    puuuh, das ist unheimlich schwer!
    Wenn die Konsequenz der Abbruch und Isolation seinerseits bedeutet.
    Ich hatte selbst knapp 10 Jahre keinen Kontakt zur Familie und verstehe mittlerweile erst, wie sehr das Oldies, Schwestern (beide jünger) und meine Nichte belastet hat...

    Kannst du ihn nicht dazu bewegen, sich hier anzumelden?

    LG.Ganesha

  • Ich würde das Problem erst einmal gar nicht ansprechen. Über Suchtprobleme und Probleme dieser Art generell zu reden, ist schwer und fordert sehr viel Vertrauen. Siehst du ihn denn ab und zu?
    Vielleicht kannst du ihn dazu bewegen, dich einfach so mit dir auf einen Kaffee oder ähnliches zu treffen. Ein lockeres Treffen unter Geschwistern, wo nicht über seine Probleme geredet wird. Du kannst ihm von dir erzählen, was du erreicht hast und noch vor hast, aber ohne ihn direkt auf sein Problem stoßen zu wollen. Vielleicht ist die Sucht oder sein Verhalten für ihn zum einen ein Ausdruck von 'Ich will unabhängig sein und lass mir von euch nicht reinreden' und zum anderen ein Hilfeschrei, weil er eigentlich genau das von euch möchte. Er möchte so akzeptiert werden, wie er ist und geliebt werden.

    Ich würde versuchen, erst einmal eine Vertrauensbasis aufzubauen und dann langsam weiter zu sehen.
    Aber bitte, faceless, achte auf dich. Du kannst deinen Bruder nicht zwingen, sich helfen zu lassen oder in Therapie zu gehen. Laste dir nicht die Bürde auf, ihm alleine helfen zu wollen. Geh zu einer Beratungsstelle, hol dir professionelle Hilfe, sprich in der Therapie darüber. Aber vergiss nicht, du bist nicht für deinen Bruder verantwortlich und er muss es aus eigenen Stücken schaffen, so schwer es ist, einem geliebten Menschen dabei zu zu sehen, wie er sich Stück für Stück zu grunde richtet.

    Wenn er keinen persönlichen Kontakt haben möchte, kannst du ihm vielleicht schreiben. Schreibe ihm Briefe, Karten, SMS oder ähnliches und erzähl ihm unbefangen aus deinem Leben. Sage ihm, dass du ihn lieb hast und er dir wichtig ist, aber dränge ihn nicht. Vielleicht kommt er dann irgendwann von sich aus, wenn er merkt, dass du ihn akzeptierst, wie er ist, mit all seinen Fehlern.

    Ich wünsch dir viel Kraft und Stärke, dass du nicht daran zerbrichst. :55:

  • Mein 1. Impuls ist, laßt ihn in Ruhe. Ich mache ähnliches (ohne Sucht aber) mit meinem Sohn durch. Er macht auch Ausbildung und in seiner Wohnung herrscht immer absolutes Chaos und trotzdem macht er das was wichtig ist, nämlich seine Ausbildung. Je mehr ich von meinem Sohn will, um so mehr zieht er sich zurück und ich erfahren überhaupt nichts mehr.
    Dein Bruder möchte sicherlich allein sein und nicht kontrolliert werden. Mein Therapeut würde jetzt sagen, es ist sein Leben, es sind seine Entscheidungen und es gibt einen Zeitpunkt, wo Eltern und Geschwister sich langsam raushalten sollten. Ihn zu drängen, geht überhaupt nicht, dann wird er verschwinden und gar keinen Kontakt haben wollen. Weit normal zu ihm, akzeptiert sein Lotterleben, kontrolliert auch nicht, ob er seine Ausbildung macht. Macht mit ihm eine Zeit aus, wo ihr ihn besuchen könnt oder telefonieren könnt und horscht ihn nicht aus. Erzählt von Euch selbst und nicht über die Angst um ihn. Das wird ihn nur noch mehr nerven. Seit ganz normal Eltern und Geschwister, die sich für ihn interessieren, für seine Ausbildung, was er so macht. Das Chaos müßt ihr übersehen. Das fällt mir auch immer schwer. Manchmal will ich bei meinem Sohn das Chaos beseitigen, wenn ich da bin, na da ist er erst mal ausgerastet. Irgend etwas stimmt mit meinem Sohn auch nicht, doch wenn man fragt, ist sowieso nichts und man nervt, also laß ich ihn in Ruhe, rufe ihn 1 x die Woche an und er weiß, daß wir für ihn da sind, wenn er uns braucht. Mehr braucht Dein Bruder auch nicht, die Gewißheit, daß ihr da seid, wenn er reden will oder Euch braucht. Ansonsten ist es sein Leben, so weh es auch tut, mit anzusehen, wie jemand fällt. Hört sich hart an, habe ich selbst lernen müssen. Sie sind erwachsen und müssen ihre eigenen Erfahrungen und Fehler machen. Ich hoffe, du bist mir nicht bös jetzt.

  • Danke für eure Antworten.

    Meine Angst ist eben genau der Alkohol. Soll ich tatsächlich warten? Sucht kommt schneller, als man denkt.
    Klar, die Vertrauensbasis muss aufgebaut werden, ich würde ihm auch nicht mein Herz ausschütten. Das macht es schwierig und erfordert somit viel Zeit. Und was passiert bis dahin? Alki? :eek:

  • Da bin ich anderer Meinung. Ansprechen sollte man das Problem schon, allein schon desswegen das er merkt jemand sorgt sich um Ihn. Was Du aktiv machen kannst? Nicht viel, Du kannst Ihm Deine Unterstützung anbieten wenn er Sein Problem angehen will, wie die anderen schon sagen, zwingen funktioniert nicht. Wenn das gar nicht klappt musst Du wohl entscheiden ob Du den Kontakt aushalten kannst und willst. Dann musst Du das wohl so akzeptieren, oder Dich zurückziehn. Sorry. Ein Problem ist eben auch noch das bei einem süchtigen sehr schnell die Stimmungen sich verändern können. In einem Moment hat er angeblich kein Problem, im nächsten will er weg davon. Echt sehr schwere Situation, LG, Carmen

  • Das ist natürlich jetzt schwer für mich abzuwägen.
    Dass er nicht in der Nähe wohnt, erschwert wohl einiges.

    Ich habe jetzt beschlossen, morgen oder übermorgen zur Suchtberatung zu gehen und dort mal nachzufragen, was die mir raten würden. Und dann evtl mit meinen Eltern dort hin.

    Habe meinen Eltern eure Antworten geschickt, hoffentlich hilfts :winking_face:
    Dass sich mein Bruder hier anmeldet, glaube ich nicht, er steht nicht auf Foren und Onlineplattforen, außerdem würde er dann ganz nah an meine Privatsphäre herankommen. No go!

    Danke euch, ich halte euch auf dem Laufenden (es sei denn das ist unerwünscht)

  • Ich kann Dir nur aus eigener Erfahrung sagen das ich ab 13 in eine Selbsthilfegruppe gegangen bin für die Angehörigen von Süchtigen. Meine Mutter konnte ich nie dazu bringen. Es ist eben auch sehr sehr schwer, vor allem für Deine Eltern, sich nicht selbst ständig zu fragen was man falsch gemacht hat, bzw sich schuldig am Konsum fühlen.

  • Faceless :frowning_face:

    ... egal, was ich les, das ist bereits ein gravierendes Suchtproblem ... schön, wenn ihr ihn auffangen wollt.

    Aber ja, bitte achte auf dich ....

    LG

    Julchen

  • Hey ihr,

    danke für eure Antworten. Habe die auch meinen Eltern per Mail zukommen lassen.

    Meine Mutter war auf Wattwurms Seite, nur sieht sie das mal wieder viel krasser. Ihrer Meinung nach ist es meine Aufgabe, meinen Bruder rauszuholen, weil er mehr Vertrauen zu mir hat. Was jedoch nicht bedeutet, dass wir uns irgendwas erzählen, wir streiten uns lediglich nicht.
    Ich sehe jedoch nicht ein, warum ich alles machen muss. Ich habe ihn weder zur Welt gebracht noch erzogen, sehe wenig Schuld bei mir.
    Klar, ich versuche, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, aber genau dasselbe versuchte er auch, als es mir schlecht ging. Aber wir passen nicht zusammen, da wird nicht mehr als nur Geschwister. Aber ich werde es versuchen.
    Ich habe zu meiner Mutter gesagt, dass ich in eine Suchtberatung gehen wollte und sie gerne mitnehmen möchte. Sie wollte mich begleiten, falls ich nicht alleine gehen will, aber ich glaube, dass sie das viel nötiger hat als ich. Sie lehnte ab, sie brauche das nicht und man kann ja viel reden, wenn man davon eh nichts in die Realität umsetzt. Oh man, ich bin jetzt so frustriert und enttäuscht, dass ich selber auch nicht mehr zur Beratung gehen möchte.

    Mein Papa stimmte Tine zu, denn er hat erkannt, dass wir nicht viel machen können. Ich glaube inzwischen fast schon, dass mein Bruder einfach auf die Nase fallen muss, wenn es auch nicht das erste Mal ist, aber vielleicht wacht er irgendwann auf. Dann ist er zwar süchtig und hat sein ganzes Leben lang damit oder dagegen zu kämpfen, aber so muss es wahrscheinlich sein.

    Wir kommen eben nicht an ihn ran. Ich bin nur seine Schwester.

  • Du bist Seine Schwester und nicht für Sein Verhalten verantwortlich. Sicherlich sollte es klar sein das Du Dein bestes gibst um Ihm zu helfen...aber ab einem gewissen Punkt ist einfach Ende. Ein Problem von Süchtigen ist es eben Verantwortung abzuschieben. Lass Dir das nicht aufhalsen. Versuch da zu sein, aber verlange nicht von Dir selbst zuviel. Auch von Deinen Eltern solltest Du Dir nicht die Verantwortung für Deinen Bruder aufbürden lassen. Wenn Deine Mutter das für richtig hält versucht Sie selbst Ihren Teil der Verantwortung abzuschieben. Eine Familie sollte immer zusammen halten, keine Frage. Aber die Verantwortung muss jeder für sich selbst übernehmen. LG, Carry

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